sevendayskeyart

7 Days to Live (1999)

Kinostart: 23. November 2000
Verleih: Senator

Produktion: Indigo Filmproduktion in Koproduktion mit Senator Film Produktion und Roof Top Entertainment

Regie: Sebastian Niemann
Drehbuch: Dirk Ahner
Produzenten: Christian Becker, Thomas Häberle
Produktion: Indigo Filmproduktion
Producer: Simon Happ
Dramaturgie: Catarina Raacke
Produktionsleitung: Richard Bolz
Kamera: Gerhard Schirlo
Casting: Liora Reich (UK), Danielle Roffe (UK), Gabriella Tanna (USA)
Szenenbild: Matthias Müsse
Kostümbild: Anke Winckler
Schnitt: Moune Barius

Darsteller: : Amanda Plummer (Ellen Shaw), Sean Pertwee (Martin Shaw), Nick Brimble (Carl Farrell), Amanda Walker (Elisabeth Farrell), Sean Chapman (Paul), Gina Bellman (Claudia), Eddie Cooper (Thomas Shaw), Chris Barlow (Frank Kosinski), Jean Marlow (Verkäuferin), John Higgins (Sozialarbeiter)

 7-days-to-live_011

Fakten zum Film

Kinostart in Deutschland: 23. November 2000

Laufzeit: 97 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Drehzeit: 26.07.1999-03.09.1999
Drehort: Prag und Umgebung

Story

Eigentlich sollte es ein neuer Anfang sein: Nach dem tragischen Tod ihres kleinen Sohnes ziehen Ellen und Martin Shaw (Amanda Plummer, PULP FICTION und Sean Pertwee EVENT HORIZON) aufs Land, um dort ein neues Leben anzufangen und die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Doch bereits kurz nach ihrem Einzug in das alte Landhaus, beginnt eine Kette unheimlicher Ereignisse: Ellen erhält geheimnisvolle Vorankündigungen ihres eigenen Todes, die niemand außer ihr wahrzunehmen scheint. So glaubt sie zunächst an einen Streich ihrer überstrapazierten Psyche. Aber die Botschaften werden immer bedrohlicher, und es scheint eine Verbindung zu dem Tod ihres Kindes, sowie dem alten Landhaus zu geben.

Martin, der die herannahende Gefahr nicht erkennt, reagiert merkwürdig aggressiv auf die “Ängste” seiner Frau, und alles erweckt den Anschein, als ob jeder etwas vor Ellen verbergen will. Auf sich allein gestellt, muss sie das dunkle Geheimnis lüften, das das alte Haus umgibt und auf mysteriöse Weise mit Ellens eigener Vergangenheit verknüpft ist. Doch es bleibt ihr nicht viel Zeit: Wenn sie die unheimlichen Botschaften richtig deutet, hat Ellen nur noch wenige Tage zu leben….

 7-days-to-live_012

Produktionsnotizen

“Noch sieben Tage” stand auf dem Zettel, der im März 1999 auf den Schreibtisch der Senator Film Produktion flatterte und dort für Aufregung sorgte. “Noch sieben Tage”, nichts weiter. Auch in den folgenden Tagen kamen kleine, mysteriöse Nachrichten ins Haus: ein Zettel in einer Flasche, ein Fax ohne Absender, teilweise nur eine Zahl (6, 5, 4, 3, 2, 1) …

Niemand in der Firma wusste, woher diese Nachrichten kamen, geschweige denn was sie zu bedeuten hatten. Auch als der Absender, die Münchener Produktionsfirma Indigo Film, ermittelt worden war, bekamen die Verantwortlichen von Senator keinen Hinweis darauf, was dieser seltsame Countdown zu bedeuten hatte. Bis zum siebten Tag, als das Drehbuch von 7 DAYS TO LIVE eintraf.

Die Berliner zögerten nicht lange: Das Buch von Dirk Ahner (26) stellte sich als klassischer “Pageturner” heraus, und innerhalb von sieben Tagen gab Senator grünes Licht für die Produktion.

Als Grundgerüst für die Story stützten sich Ahner und Niemann auf einen volkstümlichen Mythos, nach dem zum Tode verurteilte Schwerverbrecher im Mittelalter kurzerhand ins Moor geworfen wurden. Auch in Niemanns norddeutscher Heimat um Lüneburg herum gibt es ausgediente Moorgebiete, und überlieferte Gruselgeschichten von hingerichteten Verbrechern und den Volksglauben, dass man das Moor nachts nicht besuchen dürfe, weil die Seelen der Verbrecher dort ihr Unwesen treiben. Diese Gruselgeschichte war im Basisskript von Dirk Ahner noch nicht enthalten und wurde in die zweite Drehbuchfassung eingearbeitet. Auch der Tod von Thomas Shaw wurde noch überarbeitet – ursprünglich sollte der Junge bei einem Autounfall ums Leben kommen. Doch auch hier inspirierte eine Kindheitserinnerung von Niemann die finale Fassung: Als Kind war der Regisseur immer gewarnt worden, nicht aus Limonadendosen zu trinken, weil Wespen dort unbemerkt hineinkrabbeln könnten. Also sollte eine Wespe im Müsli den Tod des Jungen verursachen. Erst durch dieses Element – und die Unfähigkeit Martins, seinem Sohn den rettenden Luftröhrenschnitt zuzufügen –  funktionieren die unterschwellige Verarbeitung von Schuld, unterdrückten Schuldgefühlen und die Angreifbarkeit durch das Böse.

Weil 7 DAYS TO LIVE von Anfang an als klassischer psychologischer Horrorfilm konzipiert war, dienten die Klassiker der siebziger Jahre als Vorbilder, jene figurenorientierten Horrorfilme wie DON’T LOOK NOW (“Wenn die Gondeln Trauer tragen”, 1973) mit Donald Sutherland und Julie Christie, in denen die Beziehung zwischen den Figuren eindeutig im Vordergrund steht. Nebenbei wurden im Drehbuch kleine Hommagen und Zitate an das Genre eingebaut – die freilich nicht von der eigentlichen Geschichte ablenken. “Schließlich liebt es der Zuschauer, wenn er sowas entdecken kann”, gibt Sebastian Niemann zu Protokoll. In einem Buchladen liegt beispielsweise eine Ausgabe von Stephen Kings Horrorklassiker “Shining” herum, und die Dialogzeile: “Auf welcher Seite des Regenbogens sind wir denn heute, Dorothy?” von Sean Pertwee ist ein Zitat aus Tobe Hoopers POLTERGEIST (“Poltergeist”, 1982).

Nach kurzen Gesprächen zwischen Senator und Indigo Film stürzten sich Regisseur Sebastian Niemann (32) und Producer Simon Happ (37) in die Vorproduktion. Weil die digitalen Effekte von der amerikanischen Firma Dreamscape produziert und die Make-up-Tricks von der britischen Firma Animated Extras kommen sollten, die schon MARY SHELLEY’S FRANKENSTEIN (“Mary Shelleys Frankenstein”, 1994) mit Robert De Niro und EVENT HORIZON (“Event Horizon – Am Rande des Universums”, 1997) mit Make-up-Effekten ausgestellt hatte, wurde bereits an einer englischsprachigen Drehbuchfassung gearbeitet. So war von Anfang an klar, daß für 7 DAYS TO LIVE ein internationales Ensemble zusammengestellt werden sollte.

Mit rasantem Tempo ging das Projekt in seine heiße Phase: gecastet wurde sowohl in den USA als auch in England. Als Stützpunkt dafür diente ein Hotel in London. “Ich glaube wir haben einen ziemlich seltsamen Anblick geboten. Wir hatten uns mit Telefonen und Aktenordnern in der Hotellobby ausgebreitet, und alle halbe Stunde kam jemand, der sich vorstellen wollte”, erinnert sich Happ. “Wir gehörten mittlerweile fast zum Inventar.”

Amanda Plummer war zur selben Zeit in London, als Niemann und Happ am Casting für 7 DAYS arbeiteten. Ihre Casting-Agentin Liora Reich rief sie an und sagte ihnen, man könne ein Treffen arrangieren. Happ und Niemann ließen der Schauspielerin das Drehbuch zukommen und verabredeten sich mit ihr zum Lunch. Die drei saßen lange zusammen und unterhielten sich, bis Amanda ihre Gesprächspartner kurz verließ, um den beiden die Chance und die Zeit zu geben, sich zu entscheiden. Eine nette Geste, die Niemann und Happ gar nicht gebraucht hätten: Die beiden waren sich einig, dass die Chemie stimmte und man die Gelegenheit nutzen sollte, mit einer solchen Ausnahme-Schauspielerin zusammen zu arbeiten. Auch Amanda Plummer war bereits während dieses ersten Treffens von dem Projekt überzeugt und sagte per Handschlag zu.

Sean Pertwee war der erste, der nach einem Casting als Hauptdarsteller feststand. In England gilt der Schauspieler nicht zuletzt durch seine Produktionsfirma Natural Nylon, die er gemeinsam mit seinen Kollegen Ewan McGregor und Jude Law gegründet hat, als Star. Das Surferdrama BLUE JUICE (“Blue Juice”, 1995) mit Pertwee, Catherine Zeta-Jones und Ewan McGregor in den Hauptrollen war in Pertwees Heimat ausgesprochen erfolgreich, und in Filmen wie EVENT HORIZON und TALE OF THE MUMMY (“Talos die Mumie”, 1998) hatte der Brite bereits Genre-Erfahrung gesammelt. “Und nicht zuletzt ist Sean schlicht ein brillanter und facettenreicher Schauspieler”, erläutert Niemann seine Wahl.

Auch bei der Besetzung der übrigen Schauspieler erlebten Niemann und Happ eine wohl einzigartige Überraschung: Sie hatten für jede Rolle aus dem Casting-Angebot eine Wunschliste zusammengestellt, und für jeden einzelnen Part des Films bekam Sebastian Niemann die Zusage der Nummer eins auf seiner Wunschliste.

Gemeinsam mit dem Produktionsdesigner Matthias Müsse erarbeitete Sebastian Niemann ebenfalls lange vor den Dreharbeiten die Designs des Films. Damit wurde die Basis für den Look definiert. Weil 7 DAYS TO LIVE als “erstes deutsches haunted-house-movie” (Happ) inszeniert werden sollte, musste die Logistik des Hauses stark an der Story orientiert werden. Da das Buch bestimmte Anforderungen an das Haus stellte, musste es eigens gebaut werden. Besonders beim Showdown spielte die Anordnung der Räume eine wichtige Rolle: Wo muss das Schlafzimmer liegen, wenn Martin die Treppe herunterkommt und Ellen gleichzeitig vom Wohnzimmer in die Küche rennt? In welchem Raum kann sie sich vor ihm verstecken und dann wieder ein Stockwerk höher ins Arbeitszimmer flüchten, während er im Wohnzimmer ist und sie nicht einholen kann? Solche Timingfragen konnten nur gelöst werden, indem man die Räume in einer bestimmten Konstellation anordnete.

Bevor die Sets gebaut wurden, wurde die Farbpalette definiert und ein klares Farbkonzept erstellt. Die Farbe rot wurde zum Beispiel immer dann in eine Szene eingebaut, wenn Ellen die Todesankündigungen erhielt: Wenn die 4 auf ihrer Stirn sichtbar wird, ist ein roter Becher auf dem Regal zu sehen, und die Frau, die die Todesdrohung “Sie hat nur noch zwei Tage zu leben” ausspricht, trägt einen roten Schal. Mit solchen unterschwelligen Hinweisen und Signalen wird die Wirkung der Story verstärkt, und die Zuschauer werden in die beklemmende, beunruhigende Atmosphäre des Filmes unbewußt hineingezogen.

Am 26. 7. 1999 fiel in Tschechien die erste Klappe. Die Suche nach einem Studio in Prag hatte sich als sehr schwierig gestaltet, weil seit MISSION: IMPOSSIBLE (“Mission: Impossible”, 1996) mit Tom Cruise sehr viele US-Produktionen in der Stadt hergestellt werden. Die Leinwand-Adaption des PC-Spiels DUNGEONS AND DRAGONS wurde zeitgleich mit 7 DAYS TO LIVE gedreht, und die Amerikaner hatten die renommierten Barendorf-Studios belegt. Darum musste die Produktion des Mystery-Thrillers in die Eissporthalle der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft ausweichen. Der Vorteil der Halle war, dass sie über eigene Büros und eine eigene Logistik verfügte. In der Halle selbst wurden sämtliche Innensets aufgebaut. Obwohl der Drehplan rund 80 Prozent Studioaufnahmen vorsah, mussten für Aussenaufnahmen natürlich auch Kulissen gebaut werden. Diese Sets – darunter auch das Haus von Ellen und Martin – wurden auf dem Übungsplatz eines alten russischen Militärgeländes errichtet. In jeder Richtung bot das Gelände freie Sicht und eine wunderschöne Landschaft, die für die Anforderungen und den Look des Films wie geschaffen war. Doch bevor die Arbeit an den Sets beginnen konnte, hatte die Produktion mit einem nicht ganz ungefährlichen Problem zu kämpfen: Vor der Arbeit musste das Gelände von Minen geräumt werden, die das russische Militär auf dem Gelände vergessen hatte…

Nach dem letzten Drehtag am 7. 9. 1999 ging 7 DAYS TO LIVE in die Post-production. Der Deutsche Marc Weigert, der zusammen mit Volker Engel für die Effekte von Roland Emmerichs INDEPENDENCE DAY (“Independence Day”, 1996) verantwortlich war und mittlerweile die renommierte US-Firma Dreamscape führt, steuerte die wenigen, wohl plazierten Digitaltricks bei. Neben der Atmosphäre, der Story, der Figuren und zahlloser anderer filmischer Elemente fügen sich diese Tricks als kleines Rad nahtlos in das System des Schreckens ein, das dem deutschen Horrorfilm frisches Blut zuführen wird: 7 DAYS TO LIVE.

7-days-to-live_002

Interview mit Amanda Plummer

7 DAYS TO LIVE unterscheidet sich sehr von Gruselfilmen wie SCREAM… War das ein Faktor, der Sie neugierig auf dieses Projekt gemacht hat?

Das war sicher ein Faktor, aber es war nur ein kleines Stückchen vom Kuchen. Ich liebe Suspense-Filme, surrealen Horror, die Horrorfilme von Dario Argento, Mario Bava und natürlich die Hammer-Klassiker. Oh, und mein Lieblingsgruselfilm ist THE HAUNTING (“Bis das Blut gefriert”) von Robert Wise – den schaue ich mir ungefähr alle drei Monate an. Also habe ich die besten Voraussetzungen für das Genre. Und als 7 DAYS TO LIVE daherkam und ich mich mit Sebastian Niemann und Simon Happ traf, war ich ziemlich aufgeregt. Ich liebe es, auf Tuchfühlung mit der Kamera zu gehen, und Filme wie 7 DAYS TO LIVE leben davon, daß man stark mit der Kamera und den anderen Schauspielern kommuniziert. SCREAM gehört zu jenen Filmen, bei denen man wegen der Schockeffekte aus dem Kinosessel springt. Allerdings: Wenn ich zu oft aus meinem Sessel springe, kann ich mich nicht mit der Psychologie der Figuren beschäftigen. Und die Angst hat keine Chance, in den Körper des Zuschauers zu kriechen.

Was fasziniert Sie denn so an Gruselfilmen?

Sie berühren das Hirn ebenso wie das Herz. Sie regen die Vorstellungskraft des Zuschauers an und können Adrenalin in seine Adern pumpen. Es ist manchmal fast eine spirituelle Erfahrung, einen solchen Film zu sehen. In REPULSION (“Ekel”) von Roman Polanski beispielsweise kann man sich so gut mit dem Horror, der Freude und der Absurdität des Lebens identifizieren. Darüber hinaus entführen Gruselfilme die Zuschauer immer wieder in andere Bereiche der Existenz, die jenseits dessen liegen, was sie täglich beobachten. Wenn ein Horrorfilm gut gemacht ist, dann ist er ein Stück Kunst. Und im besten Falle ist er gleichzeitig erschreckend und erleuchtend, weil er eine Bestätigung von Leben und Tod ist.

Haben Sie die Visionen und der Enthusiasmus des Regisseurs Sebastian Niemann und des Producer Simon Happ mitgerissen?

Allerdings. Gott sei Dank sind sie noch so begeistert bei der Sache, in dieser Hinsicht ist es bei uns ein bisschen eng geworden. In den letzten fünfzehn Jahren oder so hat der Enthusiasmus der Filmemacher meiner Meinung nach arg nachgelassen. Geld spielt für die meisten die Hauptrolle, und die Studios müssen immer ein Wörtchen mitreden. Mittlerweile tut sich in den USA wieder etwas, aber ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Inspiration und Kreativität europäische Filmemacher arbeiten.

Wie sind Sie denn überhaupt an das Projekt gekommen?

Ich habe Sebastian und Simon in einem Café in London getroffen und habe sie auf Anhieb geliebt. Es war irgendwie ein Wink des Schicksals, dass wir zur gleichen Zeit in der Stadt waren. Es war ihr letzter Tag, und ich wollte noch zwei oder drei Tage bleiben … für mich war das ein gutes Omen. Sie waren von ihrem Projekt begeistert und wussten genau, was sie wollten. Und bei diesem ersten Treffen ist mir bereits klar geworden, dass die beiden sehr viel Wert auf Teamwork legen. Wir haben alle sehr intensiv an dem Film gearbeitet, und das war für mich eine tolle Erfahrung.

Ellen in 7 DAYS TO LIVE ist längst nicht so bizarr wie viele andere Figuren, die Sie gespielt haben. Wie würden Sie sie beschreiben?

Sie ist eine Frau, die eigentlich alle Fenster schließen, sie mit schwarzen Vorhängen abdunkeln und eine Woche lang weinen möchte. Aber trotz ihrer Trauer will sie stark sein, um ihrem Mann Stärke zu geben. Und sie ist misstrauisch geworden. Sie misstraut der Liebe, sie misstraut sich selbst. Sie misstraut ihren Gefühlen, weil sie sie in eine falsche Richtung geführt haben. Weil sie jetzt einen klaren Kopf behalten und so rational handeln will, ignoriert sie ihre Emotionen, und merkt irgendwann, dass sie ihren Verstand zu verlieren scheint.

War es für Sie schwierig, sich in Ellens Psyche hinein zu denken?

Ja und nein. Natürlich ahnt man, wie sich jemand fühlen muss, der gerade einen geliebten Menschen verloren hat und jetzt mit allen Mitteln seine Familie retten will. Aber man kann die wahren Gefühle einer solchen Frau nie wirklich begreifen. Als Schauspielerin habe ich versucht, mich mit den Gedanken zu befassen, die Ellen durch den Kopf gehen müssen. Aber wenn so etwas schreckliches passiert, gibt es, glaube ich, nur einen Gedanken: Warum? Warum? Ich versteh’s nicht. Warum?

Was für einen Einfluss hat das Haus in 7 DAYS TO LIVE auf die Menschen, die in ihm wohnen?

Einen sehr starken Einfluss. Ich bin fest der Meinung, dass Gebäude subtile Turbulenzen vermitteln. Wenn man ein fremdes Haus betritt und ein beklemmendes Gefühl hat oder sich die Stimmung hebt. Ein befreundetes Paar ist in ein Haus gezogen, in dem hin und wieder Gegenstände aus heiterem Himmel umgefallen sind. Nach ein paar Monaten haben sie eine Stimme gehört und eines Tages haben sie tatsächlich den schemenhaften Umriss eines Menschen in ihrem Haus gesehen. Sie haben geforscht und Ermittlungen angestellt und herausgefunden, dass vor Jahren ein Kind in diesem Haus ums Leben gekommen ist. Eine Zeitlang haben mit diesen Erscheinungen, mit dem toten Kind gelebt, aber mittlerweile sind sie aus diesem Haus ausgezogen.

Man hat Sie noch nie in einem Hollywood-Blockbuster gesehen. Suchen Sie sich absichtlich nur die kleinen, ambitionierten Independent-Filme aus?

Oh ja, ich habe einmal in einem großen Studiofilm mitgespielt, und das war eine ziemlich deprimierende Erfahrung. Alles geht nur ums Geschäft, und es gibt viel zuviele Köche, die den Brei verderben. Man versucht, alle Risiken zu eliminieren, aber ich bin der Ansicht, daß es geradezu lebensnotwendig ist, Risiken einzugehen. Wenn der Regisseur die totale kreative Kontrolle über seinen Film hat, ist das natürlich eine andere Geschichte. THE FISHER KING (“Der König der Fischer”) zum Beispiel – dieser Film war brillant geschrieben, und Terry Gilliam war ein exzellenter Regisseur. Ich suche immer nach der Kombination aus einer tollen Geschichte, einem tollen Regisseur und einem tollen Team – das der Regisseur natürlich zusammenstellt, wenn er wirklich toll ist!

Wie alt waren Sie, als Sie Ihren ersten Horrorfilm gesehen haben?

Der erste, der einen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen hat, war definitiv THE HAUNTING. Damals muss ich so ungefähr dreizehn gewesen sein. Das Mysteriöse, das dein Leben verändern kann, die Atmosphäre, die verschiedenen Level, auf denen der Film funktioniert – Musik, Story, Schnitt … irgendwie ist dein ganzer Körper mit einbezogen. Das hat mich schon als Kind an solchen Filmen fasziniert.

 7-days-to-live_001

Interview mit Sean Pertwee

Der Brite Sean Pertwee spielt Ellens Ehemann Martin, der ebenfalls unter dem Tod seines Sohnes leidet. Ausserdem steckt der Schriftsteller in einer ernsten kreativen Krise. Und nun muss er auch noch mit ansehen, wie seine Frau den Verstand zu verlieren scheint – täglich ein bisschen mehr …

Wie kam es, dass sie in einem deutschen Film die Hauptrolle spielen?

Der Regisseur Sebastian Niemann und der Producer Simon Happ kamen nach London, um sich Filme anzusehen und ein paar Leute zu treffen. Sie kannten den Science-Fiction-Horrorfilm “Event Horizon – Am Rande des Universums”, den sie sehr mochten. Also wollten sie sich auch mit mir treffen. Wir trafen uns und haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Ich hatte gleich das Gefühl, dass die beiden ein sehr großes Potenzial haben – eine Geschichte mit den zwei Menschen in diesem Haus – sowas hatte ich vorher noch nicht gedreht. Ich konnte die Ideen und Visionen von Sebastian sehr gut nachvollziehen. Er ist genauso ein film buff wie ich, also hatten wir viel, über das wir reden konnten.

Haben ihnen die beiden bei diesem ersten Treffen schon ein Drehbuch vorgelegt?

Ja, es gab bereits ein Skript. Aber es war so schrecklich ins Englische übersetzt … (lacht). Ursprünglich sollte 7 DAYS TO LIVE ein rein deutsch besetzter Film werden, aber Sebastian und Simon haben entschieden, daß sie das Projekt größer anlegen werden, weil ein europäischer Markt für den Film vorhanden ist. Also haben sie Amanda Plummer für die Rolle der Ellen kontaktiert, und als ich hörte, daß sie dabei ist, habe ich sofort zugesagt. Ich wollte schon immer mit Amanda arbeiten. Sie ist ein wahres Schauspiel-Phänomen.

Was hat sie denn am Drehbuch besonders gereizt?

Ich wollte die Gelegenheit nutzen, eine Geschichte zu erzählen, die man so vorher noch nicht gesehen hat. Ich mochte das Grundmotiv Schmerz und Verlust – ähnlich wie in DON’T LOOK NOW (“Wenn die Gondeln Trauer tragen”) – und das Gefühl dieser unendlichen Trauer, die Ellen und Martin fühlen müssen. Das ist eine sehr interessante Ausgangsposition für einen solch atmosphärischen Film. Und ich mochte die unerwarteten Wendungen des Films: Irgendwann weiß der Zuschauer nicht mehr, ob Ellen verrückt wird oder Martin seinen Verstand verliert … Dieses psychologische Element fand ich ebenfalls sehr interessant.

7 DAYS TO LIVE passt in keine Genre-Schublade. Wie würden sie den Film beschreiben?

Am ehesten als psychologischen Thriller. Die Zuschauer sollten nicht erwarten, daß sie einen lupenreinen Horrorfilm vorgesetzt bekommen. Es geht um die Menschen und ihr Seelenleben und nicht um guts’n’gore.

Der deutsche Film ist nicht gerade für exzellente Gruselthriller bekannt. Das scheint in Europa eher die Domäne Ihrer Heimat England zu sein…

Ja, “Hammer, House of Horror” und diese Sachen. Aber der britische Gruselfilm ist immer etwas übertrieben … Aber auch das war ein Grund, warum ich unbedingt mit Sebastian arbeiten wollte: Es gibt so unglaublich viele Dinge, die er an anderen Filmen liebt und schätzt. Er respektiert andere Genre-Filme, und er ist ein sehr aufmerksamer Regisseur. 7 DAYS TO LIVE ist kein Big-Budget-Film, und Sebastian wusste stets ganz genau, wie man mit einfachen Mitteln die Atmosphäre erzeugen kann, die der Film braucht.

Sowohl der Regisseur als auch der Produzent von 7 DAYS TO LIVE sind noch sehr jung. Gehört diesen enthusiastischen jungen Filmemachern die Zukunft des europäischen Kinos?

Auf jeden Fall. Auch ich bin Mitinhaber einer Produktionsfirma namens Natural Nylon, und nicht zuletzt darum mochte ich die Jungs von Indigo Film. Ich fühlte mich gleich mitgerissen. Wir haben zusammen am Drehbuch gearbeitet, Szenen geschnitten … die beiden sind sehr offen und legen Wert darauf, dass das Team bei der Arbeit zu einer Einheit verschmilzt. Das reizt mich an der Arbeit mit jungen Filmemachern: Sie haben einen sehr großen Enthusiasmus, sie umgeben sich mit Menschen, die ihr Handwerk beherrschen, sie sammeln die Ideen, und sie warten dann mit einer interessanten Geschichte und einem interessanten Film auf. Und das ist der Verdienst von allen, die daran gearbeitet haben.

Lassen sie uns ein wenig über Martin sprechen. Er ist auf den ersten Blick ein sehr starker Mann, aber es scheint, dass er seine Verletzlichkeit verbirgt…

Absolut richtig. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Wenn man einen geliebten Menschen verliert, versuchst du stark zu sein. Für deinen Partner, für deine Familie. Und weil du deine wahren Gefühle damit so unterdrückst, kommt es irgendwann zu einer emotionalen Explosion. Im Grunde treibt sich Martin selbst zum Nervenzusammenbruch. Aber natürlich steckt noch viel mehr dahinter. Er ist sehr verletzlich, aber er würde nie zugeben, daß dem so ist. Vielleicht ist er sich dessen nicht mal bewusst.

War es schwer für sie nachzuvollziehen, wie sich Martin nach dem Verlust seines Sohnes fühlen musste – besonders unter dem Aspekt, daß seine Frau jetzt auch noch ganz offensichtlich den Verstand verliert?

In gewisser Weise war es schwer. Aber man kann Bögen schlagen aus der eigenen Erfahrung, obwohl mir ein Ereignis von solcher Tragweite glücklicherweise noch nicht widerfahren ist. Aber es ist einfach schrecklich, wenn man mit ansehen muß wie Menschen, die man liebt, in Stücke brechen. Diese unendliche Traurigkeit, mit der Martin und Ellen kämpfen müssen, macht wiederum – wie schon gesagt – für mich den Reiz von 7 DAYS TO LIVE aus.

Neben Amanda Plummer und ihnen ist das Haus in 7 DAYS TO LIVE der dritte Hauptdarsteller. Glauben sie, daß Objekte einen solchen Einfluß auf Menschen nehmen können?

Aber auf jeden Fall! Häuser leben und atmen, man kann sich in ihnen geborgen fühlen oder unwohl. Häuser können sehr deprimierend wirken. Es passieren so viele Dinge in einem Haus – und ich glaube fest daran, dass es diese vielen Ereignisse absorbieren und als eine Art emotionale Energie an die Menschen weitergeben kann. Insofern ist das Haus in 7 DAYS TO LIVE in der Tat der dritte Hauptdarsteller.

Mögen sie Gruselfilme eigentlich selbst?

Oh ja, ich liebe sie.

Können sie sich noch an Ihren Ersten erinnern?

Es muss irgendwas aus dem “Hammer, House of Horror” gewesen sein … DAY OF THE TRIFFIDS (“Blumen des Schreckens”) oder VILLAGE OF THE DAMNED (“Das Dorf der Verdammten”) glaube ich. Aber ich weiß noch genau, daß ich abends vor dem Fernseher saß und mir fast in die Hose gemacht habe. Besonders DAY OF THE TRIFFIDS hat mich mitgenommen, weil wir selbst diesen schönen Garten mit allen möglichen Pflanzen hatten …

Was würden sie machen, wenn sie nur noch sieben Tage zu leben hätten?

Oh Gott, ich habe keine Ahnung. Ganz bestimmt würde ich diese Zeit mit den Menschen verbringen, die ich liebe – meine Familie, meine Frau … Einfach zusammen sein und die Zeit geniessen. Und eine verdammt große Party feiern!

Quelle: Pressemappe, Recherche
Stand: März 2008